Digitale Hilfe für chronisch Kranke

Digitale Hilfe für chronisch Kranke

Die St.Galler Unternehmerin Bettina Hein startet in den USA durch: «Juli Health» soll Menschen mit chronischen Krankheiten helfen, ihre Gesundheitsdaten zu vernetzen – Laborwerte, Bewegung, Luftbelastung, Sonnenstunden –, und daraus Informationen ableiten, um die Beschwerden besser zu managen.

Mit der Juli-App sollen Gesundheitsdaten analysiert und ein Empfehlungsalgorithmus im Netflix-Stil angeboten werden, der Einzelpersonen bei der Bewältigung ihrer chronischen Erkrankungen hilft und Empfehlungen zur Verbesserung des Wohlbefindens gibt.

Bettina Hein, Gründerin und ehemalige CEO von Pixability, einem schnell wachsenden Softwareunternehmen mit Sitz in Boston, das sich auf die Optimierung von Marketingkampagnen auf Videoplattformen wie Facebook und YouTube konzentriert, ist CEO von Juli Health mit Sitz in Hull, Massachusetts. Die St.Gallerin hatte einen persönlichen Grund, ihre neue Firma zu gründen: Ihre erste Tochter wurde früh geboren.

Klinische Studien im Mai

Hein erinnert sich, dass sie in den ersten anderthalb Jahren nach der Geburt ihres Babys Schlafstörungen hatte. «Ich habe mit diesem Cambridge-Startup namens Zeo angefangen», sagt sie. «Zu der Zeit hatten sie dieses Stirnband, um meinen Schlaf zu überwachen, und ich fing an, ihn zu überwachen und zu versuchen, mich wieder gesund zu machen. Wie sich herausstellte, dachten die Ärzte, dass ich wahrscheinlich eine atypische postpartale Depression hatte.» Daraus lernte sie, dass Daten korreliert werden können, um die Gesundheit zu verbessern, und Juli wurde geboren.

«Juli Health» wurde im März 2020 gegründet und testet derzeit sein Produkt in der Beta-Phase. Im Mai hofft das Unternehmen, seine erste klinische Studie mit dem University College London beginnen zu können.

Empfehlungen für chronisch Kranke

Die Juli-App bezieht Daten aus vier Quellen, um Informationen zur Gesundheitsgeschichte eines Benutzers zu erhalten. Zu den Quellen gehören elektronische Patientenakten, von Patienten gemeldete Daten, die Gesamtumgebung sowie Wearables wie Smartphones, Smartwatches und Waagen.

Um diese Informationen zu kombinieren und einen Gesundheitsstatus für Benutzer zu erstellen, verwendet Juli künstliche Intelligenz. Die App analysiert Muster und Korrelationen innerhalb der Daten, die Aufschluss über mögliche Faktoren geben können, die das Wohlbefinden eines Menschen beeinflussen. Hein hofft, dass die Juli-App irgendwann auch Empfehlungen zur Verbesserung dieser chronischen Erkrankungen geben kann.

Vor Kurzem hat das Unternehmen die erste Version seiner App herausgebracht, mit der Benutzer ein Dashboard ihrer Gesundheitsdaten anzeigen können. Die App enthält auch eine Chat-Oberfläche, die mit Benutzern spricht, und eine Journalfunktion. In der nächsten Iteration der App wird das Unternehmen Gesundheitsempfehlungen und Zielverfolgung hinzufügen.

Personalisiertes Targeting als Vorbild

Die Idee zur Bereitstellung von Gesundheitsempfehlungen kam tatsächlich aus gezielter Werbung. «In der Werbung kann man all diese super personalisierten Erlebnisse machen», sagt Hein. «Und es gibt all dieses kontextbezogene Targeting, personalisiertes Targeting, und ich dachte mir: Warum nutzen wir das nicht, um etwas noch Bedeutenderes zu tun?»

Juli-Benutzer erhalten nicht nur tägliche Statusaktualisierungen zu ihrer Gesundheit, sondern auch Gesundheitsfragebögen, mit denen zusätzliche Informationen zum Zustand eines Benutzers gesammelt werden.

«Jeden Tag stellen wir Ihnen ein paar Fragen und fügen von Patienten gemeldete Daten hinzu, wie Sie sich fühlen etwa und wie oft Sie einen Inhalator genommen haben», erklärt Hein. «Dann schauen wir uns das an und sehen, wo Korrelationen auftreten. Und wir haben diese Konversationsschnittstelle, wo diese ins Spiel kommen. Dazu geben wir Ihnen alle zwei Wochen eine Art kleinen diagnostischen Fragebogen, in dem Sie wirklich in die Tiefe gehen, und sehen, ob sich Ihr Status verbessert oder verschlechtert hat.»

«Hatte nie einen richtigen Job»

«Ich mag es zu prahlen, dass ich nie einen richtigen Job hatte», sagt Hein. «Ich habe an der ETH ein Text-to-Speech-Software-Unternehmen (SVOX) gegründet. Dafür habe ich 8 Millionen Dollar gesammelt. Später haben wir das Unternehmen für 125 Millionen US-Dollar an Nuance Communications aus Burlington, Massachusetts, verkauft. Dann ging ich zum MIT, um dort einen Master of Science zu machen. Und vom MIT aus habe ich Pixability gegründet, ein Unternehmen zur Optimierung von Videowerbung. Ich habe das zehn Jahre lang gemacht», sagt Hein, die heute auch Jurorin und Investorin in der TV-Sendung «Höhle der Löwen» Schweiz ist.

Mit ihrem Hintergrund in Datenanalyse, künstlicher Intelligenz und Optimierung sagt Hein, dass sie nun das, was sie aus ihren früheren Geschäften gelernt hat, auf ein Unternehmen anwenden kann, für das sie eine Leidenschaft hat.

Auf die Frage, was die grösste Lektionen war, die sie aus ihren früheren Unternehmungen gelernt hat, sagt sie, dass Gründer ein Geschäft auswählen sollten, das ihre Leidenschaft weckt, weil sie länger an diesem einen Unternehmen arbeiten werden, als sie denken.

«Wenn Sie so etwas tun, müssen Sie verstehen, dass Sie sich auf eine zehnjährige Reise begeben», so Hein. «Als ich eine junge Unternehmerin war, dachte ich, dass wir ein Projekt in 18 Monaten rocken … Aber es dauerte zehn Jahre, um Erfolg zu haben. Wenn du also etwas auswählst, musst Du wirklich leidenschaftlich sein, Du musst bereit sein, es durchzuziehen.»

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