OST entwickelt digitales Tool für psychisch belastete Männer

Männer nehmen bei psychischen Problemen seltener professionelle Hilfe in Anspruch als Frauen. Ein Forschungsprojekt der OST – Ostschweizer Fachhochschule untersucht die Ursachen und entwickelt ein digitales Screening-Tool, das psychische Belastungen frühzeitig erkennen und Gespräche darüber erleichtern soll.
Psychische Erkrankungen werden bei Männern häufig spät erkannt. Ein Grund dafür ist, dass sich psychische Belastungen nicht immer durch klassische Symptome wie Niedergeschlagenheit zeigen. Auch Gereiztheit, Aggression, riskantes Verhalten oder erhöhter Alkohol- und Substanzkonsum können Anzeichen sein.
«Solche Anzeichen werden oft nicht als Ausdruck einer psychischen Belastung erkannt», erklärt Bastian Berghändler, Doktorand am Kompetenzzentrum Psychische Gesundheit der OST.
Hier setzt das Forschungsprojekt «Beyond the Barriers» an. Ein interdisziplinäres Team unter der Leitung von Shauna Rohner entwickelt ein digitales Screening-Tool, das speziell auf die Bedürfnisse von Männern ausgerichtet ist. Es soll insbesondere in Hausarztpraxen zum Einsatz kommen, da Hausärzte für viele Männer die erste und manchmal einzige Anlaufstelle im Gesundheitswesen sind.
Niederschwellige digitale Unterstützung
Die geplante Anwendung soll kurz, verständlich und einfach zugänglich sein. Männer sollen damit ihre psychische Verfassung besser einschätzen und mögliche Belastungen erkennen können. Gleichzeitig soll das Tool konkrete Hinweise auf passende Unterstützungsangebote liefern.
«Das Tool soll psychische Belastungen früh erkennen, eine verständliche Rückmeldung geben und das Gespräch über die Belastungen erleichtern, sei dies im privaten Umfeld oder auch in der Hausarztpraxis», sagt Berghändler.
Bei der Entwicklung arbeitet das Forschungsteam eng mit Betroffenen und medizinischen Fachpersonen zusammen. Dazu gehört auch ein ehemaliger Informatiker, der selbst an Depressionen erkrankte und heute als Genesungsbegleiter andere Männer unterstützt.
Befragung zeigt Hindernisse bei der Hilfesuche
Eine Grundlage des Projekts bildet eine Onlinebefragung von 525 Erwachsenen aus der Deutschschweiz, darunter 246 Männer und 279 Frauen. Die Ergebnisse zeigen, dass Männer häufiger als Frauen angeben, noch nie professionelle Hilfe bei psychischen oder emotionalen Problemen gesucht zu haben.
Eine wichtige Rolle spielen traditionelle Männlichkeitsvorstellungen wie Unabhängigkeit und emotionale Zurückhaltung. Bei Männern beeinflussen zudem die Selbststigmatisierung und das Verleugnen eigener Beschwerden die Bereitschaft, Unterstützung anzunehmen.
Ergänzende Interviews mit zwölf Männern bestätigten diese Hindernisse. Als hilfreich bezeichneten die Befragten vertrauensvolle Beziehungen zu medizinischen Fachpersonen, mehr Wissen über psychische Gesundheit und niederschwellige Angebote.
Anwendung wird im Praxisalltag getestet
Die Erkenntnisse aus den Befragungen fliessen nun in die technische und inhaltliche Entwicklung ein. Die Anwendung soll anonym nutzbar sein und neben einer Einschätzung der eigenen psychischen Gesundheit auch Erfahrungen anderer Männer vermitteln. Damit soll sie helfen, Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen und der Inanspruchnahme professioneller Hilfe abzubauen.
In einem nächsten Schritt wird das Tool gemeinsam mit Männern sowie Hausärzten getestet und anschliessend im Praxisalltag erprobt.
Das Forschungsprojekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 83 «Gender Medicine and Health» gefördert.
Weitere Informationen: www.beyondthebarriers.ch
Text: pd/red