Digitale Champions mit strukturellen Schwächen

Das «Ostschweizer Digitalisierungs- und KI-Barometer 2026» zeigt eine Region im digitalen Vorwärtsgang – allerdings mit klaren Defiziten bei Kompetenzen und Ressourcen. Grundlage ist eine Befragung von 181 Unternehmen aus den Kantonen Thurgau, St.Gallen sowie Appenzell Ausser- und Innerrhoden.
Die Studie des Thurgauer Instituts für Digitale Transformation (TIDIT) bildet keinen repräsentativen Durchschnitt ab. Es handelt sich um eine Selbstselektionsstichprobe mit überdurchschnittlich digital affinen Unternehmen. Das Resultat ist ein Bild von Firmen, die bereits heute stark auf digitale Technologien und generative KI setzen.
Hoher Digitalisierungsgrad
95 Prozent der befragten Unternehmen haben Produkte, Dienstleistungen oder Prozesse zumindest teilweise digitalisiert, 35 Prozent sogar stark. Ein Drittel hat bereits eine eigene App entwickelt oder entwickeln lassen. Die Werte liegen deutlich über gesamtschweizerischen Vergleichszahlen.
Auch beim Thema generative KI zeigt sich ein klarer Vorsprung: 84 Prozent der Unternehmen setzen entsprechende Technologien ein, jedes fünfte bereits in grösserem Umfang. Der selbst eingeschätzte Wissensstand liegt bei durchschnittlich 5,5 auf einer Skala von 0 bis 10. Zum Vergleich: In einer gesamtschweizerischen Erhebung 2024 lag dieser Wert bei 3,6.
KI strategisch stärker verankert als Digitalisierung
39 Prozent der Unternehmen verfügen über eine KI-Strategie. Eine formalisierte Digitalisierungsstrategie haben 33 Prozent, weitere 39 Prozent planen eine solche. Auffällig ist, dass KI häufiger strategisch definiert ist als die übergeordnete digitale Transformation. KI wird vielerorts als eigenständiges Handlungsfeld behandelt.
Die Priorität digitaler Projekte liegt im Durchschnitt bei 3,7 von 5. Mit zunehmender Unternehmensgrösse steigt dieser Wert deutlich. Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern erreichen einen Mittelwert von 4,3. Digitalisierung ist klar auf Führungsebene verankert: 82 Prozent der Antworten stammen aus der Geschäftsleitung.
Kompetenzlücken bremsen Fortschritt
Trotz hoher Aktivität bestehen strukturelle Defizite. Besonders deutlich zeigen sich Lücken bei digitalen Kompetenzen der Mitarbeiter. Während die Führungsebene ihre eigene Kompetenz höher einschätzt, wird jene der Belegschaft tiefer bewertet. Weniger als die Hälfte der Unternehmen bietet systematische Weiterbildungen zu KI und digitalen Themen an. Nur 19 Prozent schulen ihre Mitarbeiter in ethischen Fragestellungen rund um KI.
Auch die Datenkompetenz gilt als ausbaufähig. Die grössten Hürden liegen jedoch nicht bei der Technologie selbst, sondern bei Ressourcen, Zeit, Kosten und komplexen, historisch gewachsenen Prozessen. Hinzu kommen regulatorische Unsicherheiten und ineffiziente Behördenprozesse.
Proprietäre Modelle dominieren
Im KI-Fokus zeigt sich eine starke Konzentration auf kommerzielle Anbieter. 88 Prozent der Unternehmen nutzen proprietäre Modelle, wobei OpenAI klar dominiert. Open-Source-Modelle kommen bei 28 Prozent zum Einsatz, insbesondere LLaMA, DeepSeek und Mistral. 23 Prozent setzen auf eigene oder selbst trainierte Modelle.
Die Studie zeigt damit ein klares Bild: Die Ostschweiz verfügt über digital fortgeschrittene Unternehmen. Gleichzeitig entscheidet sich der weitere Fortschritt weniger an der Technologie als an Kompetenzaufbau, Ressourcen und konsequenter Umsetzung.
Hier gehts zur gesamten Studie: https://tidit.ch/digitalisierungsbarometer2026/
Text: pas