2,2 Millionen Scans sichern St.Galler Geschichte
Das Stiftsarchiv St.Gallen macht sein historisches Erbe fit für die digitale Zukunft: Bis Ende 2028 werden rund 2,2 Millionen Buch- und Aktenseiten digitalisiert. Das knapp eine Million Franken teure Projekt schützt wertvolle Originale und schafft die Grundlage für neue Forschungsmöglichkeiten. Langfristig könnte auch künstliche Intelligenz helfen, bislang verborgene Zusammenhänge aufzudecken.
Rechnungsbücher, Arbeitsverträge, Briefe und persönliche Notizen: Im Stiftsarchiv St.Gallen lagern Quellen, die vom Leben, Wirtschaften und Zusammenleben vergangener Jahrhunderte erzählen. Viele davon sind bisher wenig bekannt und kaum ausgewertet. Ein umfassendes Digitalisierungsprojekt soll ihre Erforschung erleichtern und den historischen Kernbestand dauerhaft digital sichern.
Bis Ende 2028 entstehen rund 1,5 Millionen digitale Buchseiten und etwa 700’000 Aufnahmen aus den Aktenbeständen. Neben Alltagsdokumenten werden unter anderem Tagebücher, Lehenverzeichnisse, Protokolle, chronikalische Aufzeichnungen und Rechtssammlungen erfasst. Zusammen mit bereits digitalisierten Teilbeständen wird damit der gesamte historische Bestand des Stiftsarchivs digital gesichert sein.
Die technische Umsetzung übernimmt die GBL Gubler AG aus Frauenfeld. Dafür hat das Unternehmen im ehemaligen Lesesaal des Stiftsarchivs ein Digitalisierungsatelier eingerichtet. Zwei Scanner ermöglichen derzeit bis zu 2800 Aufnahmen pro Tag. Zusätzliche spezialisierte Digitalisierungshardware soll die Arbeit künftig unterstützen.
Bei aller Effizienz hat der Schutz der Originale höchste Priorität
David Kastlunger, Konservator-Restaurator des Stiftsarchivs, begleitet den gesamten Prozess. Für besonders empfindliche Bücher kommt ein Scanner mit einer V-förmigen Buchwippe zum Einsatz. Damit lassen sich Seiten erfassen, ohne die historischen Bände vollständig öffnen zu müssen. Auch die Handhabung der unterschiedlichen Dokumententypen wird auf deren Zustand und Eigenschaften abgestimmt.
Erprobt wurden die Abläufe am Buch- und Aktenbestand des ehemaligen Klosters Pfäfers. Dieser ist deutlich kleiner als jener des ehemaligen Klosters St.Gallen, weist aber eine ähnlich grosse Vielfalt an Dokumenten auf. Damit bot er geeignete Voraussetzungen, um die Digitalisierung unter realen Bedingungen zu testen und zu optimieren.
Das Pilotprojekt ist inzwischen abgeschlossen: Der Pfäferser Bestand ist vollständig digital gesichert. Er wurde 2024 mit dem Kulturerbe-Label des Kantons St.Gallen ausgezeichnet und von der Regierung unter Schutz gestellt. Die nun verfügbaren Digitalisate erleichtern auch die Vorbereitungen auf das Jubiläum «1300 Jahre Kloster Pfäfers» im Jahr 2031. Die gewonnenen Erfahrungen fliessen jetzt in die Bearbeitung der St.Galler Bestände ein.
Für die Forschung eröffnet das Projekt neue Perspektiven. Die Digitalisierung schafft die Voraussetzung für eine spätere digitale Publikation und einen ortsunabhängigen Zugang zu den Quellen. Historische Dokumente lassen sich dann konsultieren, ohne die Originale beanspruchen zu müssen. Zugleich können grössere Quellenmengen digital ausgewertet werden. Langfristig könnten KI-Anwendungen dabei helfen, Informationen und Zusammenhänge in den Millionen Seiten zu erschliessen.
Das Vorhaben knüpft an frühere Digitalisierungsschritte an: Bereits 2008 und 2018 wurden wichtige Teilbestände erfasst, darunter die mittelalterlichen Urkunden und die frühmittelalterlichen Bestände. Finanziert wird das aktuelle Projekt gemeinsam vom Kanton St.Gallen und vom Katholischen Konfessionsteil des Kantons St.Gallen, denen das Stiftsarchiv gehört. Die beiden Träger teilen sich die veranschlagten Kosten von knapp einer Million Franken nach einem festgelegten Finanzierungsschlüssel.